Einschätzung der deutschen Unternehmen – Russland Geschäft im Jahr 2022

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Bessere Stimmung, positiver Ausblick, höhere Umsatz- und Exporterwartungen: Das allgemeine Geschäftsklima in Russland hat sich nach Einschätzung der deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft trotz der Corona-Krise deutlich aufgehellt. Als größte Hindernisse werden die Wechselkursentwicklung und die gegenseitigen Wirtschaftssanktionen wahrgenommen. Hier erhoffen sich die Unternehmen Initiativen der neuen Bundesregierung zum Abbau politischer Spannungen. Die befragten Unternehmen sprechen sich mit großer Mehrheit für den Ausbau von Energie- und Klimaprojekten mit Russland aus. Dies sind wichtige Ergebnisse der 19. Geschäftsklima-Umfrage Russland, die der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) im November 2021 gemeinsam durchgeführt haben. An der Umfrage haben sich fast 90 Unternehmen beteiligt, die in Russland über 50.000 Mitarbeiter beschäftigen und dort über 14 Milliarden Euro umsetzen.

„Der Optimismus kehrt zurück“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Oliver Hermes heute auf einer Online-Pressekonferenz: „Die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen stehen auf einem festen Fundament und haben die Delle des ersten Corona-Jahres 2020 hinter sich gelassen. Die aktuellen besorgniserregenden politischen Spannungen könnten den positiven Ausblick aber in Frage stellen, warnte Hermes. „Es müssen jetzt alle diplomatischen Möglichkeiten genutzt werden, um eine weitere Eskalation abzuwenden.“ Mut mache, dass die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag den Wunsch nach einem konstruktiven Dialog mit Russland und nach „substanziellen und stabilen Beziehungen“ unterstrichen habe. „Sehr positiv sehen wir, dass Russland ausdrücklich als Partner für Zukunftsthemen wie Klima, Umwelt, Wasserstoff und Gesundheit genannt wird“, sagte Hermes. Ein starkes Signal sei zudem das Ziel der Bundesregierung, die Visa-Pflicht für junge Russinnen und Russen unter 25 Jahren abzuschaffen. „Wir sehen im Koalitionsvertrag eine gute Basis, die Beziehungen mit Russland wieder positiver zu gestalten“, sagte Hermes.

Mit 52 Prozent beobachten mehr als die Hälfte der Befragten im laufenden Jahr einen positiven oder leicht positiven Trend beim Geschäftsklima (Vorjahr zwölf Prozent). Auch bezüglich der Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr sind die Unternehmen deutlich optimistischer als vor Jahresfrist: 60 Prozent der Befragten rechnen 2022 mit einer positiven oder leicht positiven Wirtschaftsentwicklung (Vorjahr 36 Prozent).

Fast die Hälfte bewertet eigene Geschäftslage als gut bis sehr gut
Auch die Geschäftslage der deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft hat sich insgesamt verbessert: 48 Prozent bewerten die eigene Geschäftslage in Russland mit gut bis sehr gut. Das sind immerhin elf Prozentpunkte mehr als 2020 und zwei Prozentpunkte mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. 36 Prozent der Befragten bewerten ihre Geschäftslage mit befriedigend (Vorjahr 52 Prozent). „Seit Jahren ist die deutsche Wirtschaft mehrheitlich zufrieden mit ihrem Russland-Geschäft“, sagte Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), mit 1.050 Mitgliedern größter ausländischer Wirtschaftsverband in Russland. „Der russische Markt bietet trotz politischer Schwierigkeiten große Chancen für deutsche Firmen.“

Die Einstellungs- und Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen in Russland hat gegenüber dem Vorjahr leicht zugenommen: 31 Prozent der befragten Unternehmen wollen in den kommenden zwölf Monaten in Russland investieren (Vorjahr: 29 Prozent). Davon haben 18 Unternehmen Angaben zur Höhe der Investitionen gemacht: Diese belaufen sich zusammen auf 307 Millionen Euro. „Es ist ein hervorragendes Zeichen, dass die deutsche Wirtschaft weiter stark in Russland engagiert ist und die vergangenen Jahre von Investitionsrekorden geprägt waren“, sagt Schepp. „Allein in den ersten drei Quartalen 2021 haben deutsche Firmen laut der Deutschen Bundesbank netto anderthalb Milliarden Euro im größten Flächenstaat der Erde investiert.“

Energiebeziehungen spielen wichtige Rolle
Der positive wirtschaftliche Ausblick schlägt sich auch in den Exporterwartungen der deutschen Unternehmen nieder. 36 Prozent der befragten Unternehmen erwarten 2022 steigende Exporte nach Russland (Vorjahr 23 Prozent). Gut die Hälfte geht für 2022 von gleichbleibenden Exporten aus, nur 13 Prozent rechnen mit einem Rückgang ihrer Russland-Ausfuhren. Schon in den ersten zehn Monaten dieses Jahres sind die deutschen Exporte nach Russland nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts um fast 14 Prozent gestiegen. „Diese Entwicklung wäre sicherlich noch besser ausgefallen, wenn bestehende Handelshürden wie übertriebene Lokalisierungs- und Zollvorschriften oder unterschiedliche technische Standards endlich abgebaut werden würden“, sagte Hermes. Noch stärker war der Anstieg bei den deutschen Importen aus Russland. Diese legten um 48 Prozent zu, vor allem aufgrund preis-, aber auch mengenmäßig steigender Öl- und Gaslieferungen.

Zum Thema Nord Stream verwies Hermes vor dem Hintergrund der hohen Energiepreise auf „eine gewisse Ungeduld“ der deutschen Unternehmen. Mit 44 Prozent sprechen sie die meisten der befragten Unternehmen dafür aus, die Pipeline sofort in Betrieb zu nehmen, auch wenn die finale Genehmigung noch aussteht. 32 Prozent der Befragten wollen erst das laufende Zertifizierungsverfahren abwarten. Eine Minderheit (22 Prozent) ist für eine Art Stoppmechanismus, um sicherzustellen, dass Russland Energielieferungen nicht als Druckmittel einsetzt.

Die Ungeduld der Unternehmen müsse man verstehen. Es bleibe aber bei der Position des Ost-Ausschusses, dass das laufende Zertifizierungsverfahren ohne wirtschaftlichen, aber vor allem auch ohne politischen Druck durchgeführt werden sollte, betonte Hermes. „Wir haben volles Vertrauen in die Bundesnetzagentur und ihre unabhängige Expertise“, sagte Hermes. „Deshalb ist es gut, dass die neue Koalition sich – ungeachtet manch öffentlicher Äußerungen – offenbar darauf verständigt hat, keinen politischen Einfluss auf den laufenden Zertifizierungsprozess zu nehmen.“ Nord Stream 2 werde für eine ausreichende und stabile Versorgung Deutschlands und Europas mit bezahlbarem Erdgas gebraucht, ebenso wie die Pipelines durch die Ukraine. In Kombination mit Carbon Capture & Storage-Technologien (CCS) ließe sich zudem der CO2-Fußabdruck von Erdgas auf ein Minimum reduzieren, während parallel der Ausbau der grünen Technologien das benötigte Tempo aufnehmen könne. Der Ost-Ausschuss arbeite daran, die erfolgreiche deutsch-russische Energiezusammenarbeit zu einer Energie- und Klimapartnerschaft weiterzuentwickeln.

Markterschließung ist dominierendes Motiv für Engagement in Russland
Für 84 Prozent der befragten Unternehmen ist die Erschließung des russischen Marktes das mit großem Abstand wichtigste Motiv für ihr unternehmerisches Engagement in Russland. Als „verlängerte Werkbank“ spielt Russland offenbar keine so große Rolle: Lohnkosten, Nähe zu Deutschland und zur EU, und die lokale Zuliefererbasis werden von nicht einmal einem Fünftel der Befragten als Motive genannt. Für gut die Hälfte der befragten deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft wird die Bedeutung Russlands langfristig weiter zunehmen.

Dominierende Hindernisse im Russland-Geschäft sind der volatile Wechselkurs des Rubels sowie die gegenseitigen Wirtschaftssanktionen. Jeweils 40 Prozent der Befragten nennen diese beiden Aspekte als die bedeutendsten Störfaktoren. Die Bedeutung des Wechselkurses hat allerdings deutlich abgenommen (Vorjahr 73 Prozent), während die Sanktionen (Vorjahr 36 Prozent) häufiger genannt werden. 57 Prozent der befragten Unternehmen votieren dann auch für einen schrittweisen Abbau der EU-Sanktionen gegen Russland, weitere 36 Prozent fordern deren sofortige Abschaffung ohne Vorbedingungen. „Die Sanktionen gegen Russland sind nun seit sieben Jahren in Kraft. Die deutschen Firmen im Russlandgeschäft bewerten sie weiterhin als einen der größten Störfaktoren“, sagte AHK-Vorstandschef Mattias Schepp. „Allerdings erweisen sich die deutschen Unternehmen in Russland als äußerst krisenresistent. Sie wachsen stärker als der Markt.“